Mit dem Velo von Nord- nach Südamerika

von G. Hummel - Urs Hochstrasser bereist seit einigen Wochen Amerika mit dem Velo. Die erste Erkenntnis: «Was man benötigt, taucht an der nächsten Ecke auf.»

Er bildet das Schlusslicht in unserer «Leser stellen sich vor»-Serie über Langzeitreisende und spannt gleichzeitig den Bogen zum ersten Interview, das auch von der Panamericana handelte: Urs Hochstrasser ist aber anders als Pamela und Andreas nicht im VW-Büssli unterwegs, sondern mit dem Velo.


Urs, du bist nun seit einigen Wochen mit dem Velo von Nord- nach Südamerika unterwegs. Welchen Ratschlag gibst du Menschen, die auch von solch einer Reise träumen?
Es ist wortwörtlich so einfach wie das Fahrradfahren. Starte mit nichts und du merkst, wie wenig du brauchst. Denn egal wie lange und gut du dich vorbereitest, etwas fehlt dir immer. Also los, heute ist DER Tag!


Wie hast du dich darauf vorbereitet?
Drei Jahre träumen, ein Jahr recherchieren und ein Jahr effektiv vorbereiten. Das Fahrrad habe ich nach den Tipps und Tricks meines Mechanikers des Vertrauens selbst umgebaut. Dies dauerte einige Wochenenden, doch jetzt kenne ich jede Schraube und weiss mir bei Pannen jeder Art zu helfen. Ich habe die letzten drei Jahre in einer WG gelebt, dadurch waren meine Lebenshaltungskosten sehr gering und das Geld schnell gespart. Insbesondere, da die Reisekosten fast ausschliesslich aus Essen und Versicherungsprämien bestehen.


Warum mit dem Velo?
Es spricht vieles dafür. Mit dem Velo ist man nahe an Land und Leuten. Es ist eine umweltfreundliche Art, sich fortzubewegen und die moderate Reisegeschwindigkeit überschwemmt einen nicht mit zu vielen Eindrücken. Zudem ist es extrem befreiend, nur wenig Materielles zu besitzen.

Wie fit muss man für eine solche Velo-Reise sein?
Es genügt, sein bepacktes Fahrrad fahren zu können, die Fitness folgt automatisch.

Welche Wartung benötigt dein Velo?
Am wichtigsten ist die Pflege der Kette, diese reinige und schmiere ich mindestens wöchentlich. Sonst ist meine Soletta sehr pflegeleicht und äusserst zuverlässig.

War es hart am Anfang?
Es ging alles sehr schnell: Wohnrat auflösen, letzter Arbeitstag, Auto verkaufen und schon stand ich am Flughafen. Auf einmal war ich unterwegs und die ersten drei Tage waren geprägt durch grosse Euphorie. Am vierten Tag kam mit der Erschöpfung und nach 36 Stunden Dauerregen der «dunkle Tag». Ich sitze allein in meinem Zelt, der nächste Mensch mehr als 100 Kilometer entfernt. Draussen herrscht Weltuntergangsstimmung und ich lasse mich von all den typischen Fragen runterziehen: Wieso machst du das bloss? Musst du jemandem etwas beweisen? Erst die gespeicherte Nachricht einer vertrauten Person reisst mich aus dem Strudel meiner negativen Gedanken. Einige Stunden Schlaf später, erlebe ich einen der schönsten Tage und die erste Begegnung mit einem Grizzly. Seither läuft es richtig rund.

Wo befindest du dich jetzt?
Ich bin in Jasper und erkunde die kanadischen Rockies. Morgen geht es auf eine Tageswanderung und dann beginnt die epische Fahrt auf den Icefield Parkways.

Warum hast du dich für die Panamericana entschieden?
Vor zehn Jahren habe ich mir mit einer Reise nach Australien den grössten Kindheitstraum erfüllt. Dort habe ich mich mit dem Reisefieber infiziert. Danach drängte sich allmählich die Frage auf, was nun? Die unterschiedlichsten Reiseerfahrungen und die Tatsache, dass ich noch nie in Nord- und Südamerika war, schürten mein Verlangen nach diesem Abenteuer.

Du bist noch nicht so lange unterwegs. Worauf freust du dich bereits?
Auf morgen – und das jeden Tag. Die schönsten Dinge sind die unerwarteten.

An welchen Ort würdest du bis jetzt sofort zurückkehren?
Dawson City, die Zeit scheint dort während des Goldrausches stehengeblieben zu sein. Die lokalen First Nations meistern den Spagat zwischen ihren Traditionen und den Einflüssen, die der weisse Mann mit sich brachte. Diese Harmonie ist deutlich spürbar. Ich wurde immer wieder eingeladen und nahm jeweils dankend an. Nach einer Woche kannten mich viele beim Namen und fragten, ob ich einen Job oder eine Wohnung brauche. Da wusste ich, es ist Zeit weiterzuziehen, sonst bleibe ich noch stecken.

Bist du allein unterwegs?
Ja, ich habe die Reise bewusst allein angetreten. Einige Tage war ich mit einem angenehm verrückten Belgier unterwegs, das war ein Spass. Jetzt geniesse ich es noch, allein unterwegs zu sein. Was bisher nur wenige wussten, nur drei Monate vor meiner Abreise lud ich jemanden ein, um diesen Traum gemeinsam zu leben. Jetzt ist es definitiv, ab San Francisco werde ich all die schönen Momente teilen dürfen. Mehr verrate ich noch nicht.

Was ist das Wichtigste in deinem Gepäck?
Abgesehen von den Ortlieb-Radtaschen, die alles trocken halten, sicherlich das Zelt, die Luftmatratze und der Schlafsack. Gut zu schlafen, ist ein Muss.

Was hast du bereits wieder ausgepackt?
Die Bärenglocke. Diese habe ich einem Japaner auf dem Dempster Highway gegeben. Ich traute meinen Augen nicht, als ich ihn auf seinem kleinen faltbaren Fahrrad sah. Er hatte einfache Taschen an sein Rad geschnürt. Seine Freude am einfachen Leben und seine Begeisterung für das Abenteuer waren echt inspirierend.

Welche Erkenntnis kannst du bereits verbuchen?
Was man auch gerade benötigt, taucht um die nächste Ecke auf. Zweimal innert kürzester Zeit verlor mein Hinterreifen langsam Luft. Der Schlauch war beim ersten Mal schnell geflickt, doch der Reifen zeigte keine Spur der Ursache. Es war kurz vor Sonnenuntergang, als ich es das zweite Mal feststellte. Da hält ein Auto vor mir, eine Frau steigt aus und fragt mich, ob ich weiss, wo ich schlafen werde. Sie sei mit ihrem Mann auch viel getourt und beschreibt mir den Weg. Zwanzig Kilometer weiter und dreimal Pumpen später, stehe ich vor einer Blockhütte. Tim, ihr Ehemann, heisst mich willkommen. Beim Abendessen erzählt er mir, wie er als Fahrradmechaniker sein Studium finanzierte. Bei einem kleinen Glas Whiskey schaute er sich den platten Hinterreifen an. Nach geraumer Zeit fand er den verantwortlichen, feinen Draht. Das Frühstück am nächsten Morgen war reichhaltig und vor meiner Weiterreise spielte ich noch einige Runden Uno mit dem kleinen Aziz. Dann hiess es einmal mehr: «Safe Travels!» Diese Gastfreundschaft ist überwältigend und die Häufigkeit, in der ich sie erlebe, überrascht mich immer wieder.


Alter: 31
Beruf: Software Entwickler / Projektleiter
Wohnort: Solothurn
Reiseroute bisher: Startpunkt war Inuvik, die grösste kanadische Ortschaft nördlich des Polarkreises. Von da ging es durch den Yukon, einige Male rüber nach Alaska und jetzt durch British Columbia.
Das ist noch geplant: USA, Mexiko, Belize, Honduras, Guatemala, El Salvador, Nicaragua, Costa Rica, Panama, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Chile, Argentinien und zum Schluss einige Länder in Europa
Unterwegs seit: 9. Juni 2015
Unterwegs bis: Mai 2017
Website: panamericana.bike und facebook.com/bikepanamericana



20min.ch, 26. August 2015